Gesundheitswesen

In der Pflege hat man Spaß!” Darüber und was sich ändern muss, haben wir mit Silvan Schroeren geredet.

Das Berufsbild der Pflege ist in vielen Köpfen negativ verankert. Warum es genug Gründe gibt, positiv über die Arbeit in der Pflege zu denken, was Pflegende selbst tun können und welche Möglichkeiten es schon jetzt für die Pflege gibt, erzählt Silvan Schroeren in unserem neuen Hublo Talk.

Silvan ist seit 2004 Gesundheits- und Krankenpfleger. Über den Zivildienst in die Pflege “reingerutscht”, war er schnell von dem Beruf begeistert und zog dafür sogar von seiner Heimat Kiel nach Düsseldorf. Er sagt von sich selbst, dass er nicht mehr in sondern für die Pflege arbeitet. Was das heißt und was es bewirkt, lesen Sie in unserem neuen Blog-Artikel.

Lynn: Hi Silvan! Danke, dass du dir die Zeit nimmst. Bist du aktuell noch in der Pflege  tätig?

Silvan: Hi Lynn! Immer gerne. Jein. Vor drei Jahren bin ich “vom Bett weg” abgeworben worden. Ich war auf einer Geburtstagsparty und der Freund einer jetzigen Arbeitskollegin hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, LKW-FahrerInnen zu rekrutieren – da hab ich Nein gesagt, da hatte ich keinen Lust zu. Mit dem Unternehmen bin ich dann aber trotzdem in Kontakt genommen. Zu dem Zeitpunkt arbeiteten sie gerade daran, eine Stellenplattform für LKW-FahrerInnen aufzubauen. Hier fielen dann auch schnell Stichworte wie Fachkräftemangel und Wertschätzung in der Speditionsbranche gegenüber den LKW-FahrerInnen. Das Konzept hat mich angesprochen. Die Tatsache, dass in den nächsten 10 Jahren ca. 50.000 LKW-FahrerInnen aber 350.000 bis 500.000 Pflegende fehlen werden, haben dann den Fokus des Unternehmens verändert. Wir sind also ins Gespräch gekommen und haben ein halbes Jahr später den ursprünglichen Plattform-Gedanken 1 zu 1 auf die Pflege übertragen, das war 2019 und daraus entstand CareRockets, wo ich seitdem tätig bin.

Lynn: War die Idee "vom Bett weg" zu gehen eine, die dir kam, nachdem du auf der Party angesprochen wurdest oder war der Plan schon vorher da?

Silvan: Es ist tatsächlich so, dass ich vor drei Jahren, kurz vor der Geburtstagsparty, meinen damaligen Job einfach gekündigt habe. Nicht zuletzt, weil ich den schleichenden Prozess des Fachkräftemangels in der Pflege am eigenen Leib erfahren habe. Gerade in den letzten Jahren vor meinem Ausstieg habe ich einen starken Einbruch in der Personaldecke erlebt. Am Anfang meines Werdegangs in der Pflege waren wir bspw. im Frühdienst immer fünf Leute plus eine studentische Hilfskraft für 30 PatientInnen. Als ich aufgehört habe, waren wir für die gleiche Menge an PatientInnen zu viert, eine(r) davon Auszubildende(r), der als volle, günstige Arbeitskraft eingesetzt wurde. Da war ich dann irgendwann an einem Punkt, an dem  ich für mich sowieso eine Veränderung im Leben wollte. Das heißt nicht, dass ich da den Entschluss gefasst habe, der Pflege aktiv den Rücken zuzukehren. Jetzt arbeite ich zwar nicht mehr IN der Pflege aber FÜR die Pflege. Das ist für mich mindestens genauso  herausfordernd.

Lynn: Damals, als du dich für den Beruf der Pflege entschieden hast, was genau hat dich  da angesprochen? Was hat dich begeistert? Warum Pflege?

Silvan: Ich habe ein Helfersyndrom. Das hab ich glaub ich angeboren bekommen. Meine Mutter hat auf jeden Fall auch eins. Ich hab schon als Jugendlicher gebabysittet, hatte einen Jugendgruppenleiter-Schein und bin dann über den Zivildienst immer, und auch ohne das ich es wollte, in Situationen geraten, in denen ich Leuten helfen musste (und auch wollte!). Das passiert mir einfach. Das mit der Pflege ist mir auch ein bisschen einfach passiert. Natürlich hat mich auch die attraktive Vergütung in der Ausbildung angesprochen. Außerdem hatte ich damals noch im Hinterkopf, eines Tages Medizin zu studieren. Das hab ich tatsächlich auch ein halbes Jahr gemacht, aber dann an den Nagel gehangen. Die vielen Nachtschichten, die ich nebenbei gemacht habe, haben da wohl ihren Teil zu beigetragen. Ich bin dann ja aber auch 17 Jahre in der Pflege geblieben, weil es mir einfach gefallen hat. Man kann Menschen helfen und das finde ich toll!

Lynn: Was auch toll ist, ist wie du dich aktiv dafür einsetzt, dass das Berufsbild allgemein positiver dargestellt werden. Kürzlich hast du auf deinem LinkedIn Profil ein altes Titelblatt des Düsseldorfer Express geteilt. Das hatte die Überschrift “Horrorjob Krankenschwester - am Ende sind die Patienten die Leidtragenden”. Würdest du sagen,  dass einige Medien ihren Teil zum schlechte Image des Pflegeberufs beitragen?

Silvan: Ja! Absolut. Gerade die Tatsache, dass die Ausgabe der Zeitung im Jahr 2011 gedruckt wurde, zeigt, dass eben diese Problematik schon länger besteht. Als ich das Foto von diesem Titelblatt aufgenommen habe, war ich selbst noch mittendrin der Pflege. Natürlich ist es ein fordernder Job aber dennoch gibt es so viel schönes, was der Beruf zu bieten hat! Nur verkauft man mit dieser Tatsache keine Zeitungen, erhöht Klicks oder Reichweite. Hassbotschaften und negative Nachrichten lassen sich leider besser verkaufen. Das sollte nur nicht das Image eines ganzen Berufsfeldes schädigen.

Es gibt gute Arbeitgeber, es gibt zufriedene, glückliche Pflegekräfte, es gibt Einrichtungen mit guten Personaldecken und wertschätzende Vorgesetzte und darüber müssen wir mehr kommunizieren! Insbesondere in der Nachwuchsfindung mangelt es an attraktiver Ansprache. Das war vor 11 Jahren so, als ich das Foto aufgenommen habe und das ist jetzt vielleicht sogar noch stärker der Fall. Deswegen bin ich auch so darauf bedacht, eine positive Botschaft rauszuschicken: In der Pflege hat man Spaß! Man arbeitet sinnstiftend. Man leistet in seinem direkten, nahen Umfeld eine Tätigkeit, die mehr als gebraucht wird. Ich bin dafür, dagegen zu sein, diesen tollen Beruf nur im schlechten Licht zu zeigen.

Lynn: Ein tolles Statement! Und wie du schon hast durchklingen lassen: Es müssen sich  Sachen ändern – ob auf Medienkommunikation oder ganz allgemeine Bedingungen in der Pflege bezogen. Was muss sich deiner Meinung nach in der Pflege ändern, damit es Symptome, wie derartige Titel auf Zeitungen, gar nicht mehr geben kann?

Silvan: Schwierig. Das ist eine Frage, der ich seit langem auf den Grund gehe. Natürlich kann man immer sagen, dass PolitikerInnen dies und jenes anders hätten machen müssen oder als nächstes dies und jenes tun sollten. Das ist immer leichter gesagt als getan.

Daher bin ich der Meinung, dass sich jede(r) Einzelne an den eigenen Hut fassen und sich im Rahmen seiner oder ihrer Möglichkeiten einbringen muss. So kann jede Pflegekraft mithelfen, das Berufsbild positiv aufzubauen. Oft wird den Pflegenden vorgeworfen, dass sie keine Stimme hätten und den Mund nicht aufmachen. Da muss man aber sehen, dass man bei einem emotional erschöpfenden Beruf nach dem Schichtdienst vielleicht nicht mehr die Kraft hat, auf die Straße zu gehen. Sonst hätten wir das sicherlich auch schon früher mehr gemacht.

Jetzt, wo ich nicht mehr aktiv in der Pflege arbeite, habe ich die Zeit mich dafür einzusetzen  und das mache ich auch. Diese Möglichkeit fehlt vielen Pflegenden und da kommen wir schon zu einem der wichtigsten Punkte: Zeit. Die ist das wichtigste für Pflegekräfte. Pflegekräfte wollen natürlich auch fair vergütet werden aber das wesentliche ist Zeit. Zeit für gute Pflege bei der man nicht mit der Angst nach Hause geht, aufgrund von Zeitdruck einen Fehler gemacht zu haben. Gibt es da neben CareRockets nicht noch ein Produkt, das Pflegekräften diesbezüglich helfen kann?

Lynn: Zufälligerweise ja: Hublo! ;-)

Silvan: Haha, ganz genau! Wir möchten die Rahmenbedingungen haben, unsere Arbeit gut machen zu können – dann ist das der schönste Beruf der Welt. Aus politischer Sicht ist es wichtig, dass diese Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass genügend Personal  vorhanden ist. Möglichkeiten sind hier Rekrutierung aus dem Ausland aber natürlich auch die angesprochene Aufwertung des Berufsbildes. Beim Thema Nachwuchsförderung müssen wir die Ausbildung attraktiver gestalten. Da kann man auch mit digitalen Mitteln viel bewegen. Um Abbruchquoten in der Ausbildung zu senken, können wir nicht die Anforderungen verringern, sondern müssen die Ausbildung selber so gestalten, dass sie zeitgemäß ist und die Leute Spaß am lernen haben. Auszubildende dürfen keine billigen Hilfskräfte sein – das kann nicht sein. Als ich meine Ausbildung angefangen habe, hatte ich bspw. noch einen Mentor und war nie als feste Kraft, sondern immer zusätzlich zum festen Team eingeplant. Mir wurde Zeit gegeben, Dinge zu verstehen, schlicht zu lernen. Heute werden Pflege-SchülerInnen als volle Kraft eingesetzt und ins kalte Wasser geschmissen. Wir bauchen eine gezielte Förderung der Auszubildenden.

Lynn: Pflegende können also aktiv selbst etwas bewegen. Wie das gehen kann, zeigt ihr unter anderem durch CareRockets. Wie genau, “bewegt ihr was” in der Pflege?

Silvan: CareRockets ist eine Job-Matching-Plattform mit der Mission, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern. Wir bewegen Arbeitgeber im Gesundheitswesen dazu, sich transparenter zu präsentieren, weniger Forderungshaltung einzunehmen und mehr Benefits zu bieten. Dabei beraten wir Arbeitgeber und stellen Wissenstransfer zwischen verschiedenen Einrichtungen her. Das trifft auf Dankbarkeit und  Anklang. Unser Job-Matching funktioniert so, dass wir über die transparente Darstellung der Jobs und Arbeitgeber, Pflegekräfte, die vielleicht bei einem "schlechteren" Arbeitgeber angestellt sind, aufzeigen "Hallo Pflegekraft, hier kannst du dich kostenlos anmelden und da findest du Arbeitgeber, die daran interessiert sind, dir ein wertschätzendes Umfeld zu bieten."  Die Arbeitgeber bewerben sich nämlich bei den Pflegekräften und nicht andersherum. Dann ist der Pflegekraft überlassen, ein Angebot anzunehmen oder nicht.

Wenn man sich jetzt vorstellt, man würde den gesamten Arbeitsmarkt der Pflege in diesen Topf werfen und jede Pflegekraft würde einem schlechten Arbeitgeber den Rücken kehren, dann kann es theoretisch irgendwann keine schlechten Arbeitgeber mehr geben, weil diese  entweder keine Pflegekräfte mehr hätten oder sie sich gezwungen sehen, an ihren Arbeitsbedingungen zu arbeiten. So möchten wir die Arbeitsbedingungen in der Pflege langfristig verbessern.

Lynn: Auch wenn Hublo nach einem anderen Ansatz vorgeht, teilen wir diese Mission 1 zu 1 mit euch. Wenn sich der Arbeitsmarkt zum Arbeitnehmermarkt wandelt, dann handeln die Arbeitgeber und das ist auch gut so. Meine letzte Frage für den Abschluss: Dir steht ein junger Mensch gegenüber, der überlegt eine Ausbildung in der Pflege zu machen. Was rätst du ihr oder ihm?

Silvan: Ich hatte mal eine Nachtschicht bei der ich mich stark verhoben habe. Dem hab ich  erst mal gar nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Auf dem Heimweg musste ich dann  aber doch von der Bahn in ein Taxi umsteigen, weil ich wenig bis keine Luft mehr bekommen  habe. Meine Lunge war nämlich dabei zu kollabieren, weil ich mir einen Riss in der Lunge zugezogen hatte. Ich hab mich dann also in ein Krankenhaus in Düsseldorf geschleppt, wo ich auch sofort behandelt wurde. Als ich schon dabei war wegzudämmern, standen zwei  PflegeschülerInnen mit im Raum. Die haben zugeguckt, ich hab sie gesehen und gerufen: “LAUFT WEG SOLANGE IHR NOCH KÖNNT!” Das war natürlich nur ein Spaß. Ich mag die Geschichte einfach.

Jedem Menschen, der einen Beruf finden möchte, der etwas für’s Leben gibt, kann ich eine Ausbildung in der Pflege empfehlen. Man lernt Menschen umfassend kennen. Dieser Beruf fördert die eigene Persönlichkeit ungemein. In der Pflege arbeitest du mit Sinn und das spürst du jeden Tag. Wer sich auf die Pflege einlässt, lässt sich auf einen Beruf ein, in dem man viel erlebt und wer nichts erlebt, der kann auch nichts erzählen – deswegen rede ich auch so viel.

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